Die Zauberflöte
Grosse Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto von Emanuel Schikaneder
Uraufführung: 30. September 1791,
Freihaustheater auf der Wieden, Wien
Herr
Harnoncourt, Sie haben bereits zwei Inszenierungen der «Zauberflöte»
musikalisch geleitet, eine davon war die Inszenierung von Jean-Pierre
Ponnelle hier am Opernhaus 1986; von dieser Aufführung gibt es auch
einen CD-Mitschnitt. Sie suchen sich Ihre Projekte sehr genau aus; was
also hat Sie bewogen, Mozarts letzte Oper jetzt am Opernhaus Zürich neu
einzustudieren?
Nikolaus Harnoncourt: Ich bin vom Opernhaus angefragt worden, ob ich
eine neue «Zauberflöte» machen würde. Jetzt interessiert es mich mehr
und mehr, weil mich der späte Mozart interessiert, der eigentlich kaum
anknüpft an seine früheren Werke. Das habe ich zum ersten Mal ganz
deutlich gesehen beim Requiem, aber es ist auch erkennbar bei «Titus»
und beim Klarinettenkonzert, also bei all diesen Werken, die er in
seinem letzten Lebensjahr geschrieben hat. Da ist für mich interessant,
wie er weiter komponiert hätte; er hätte ja noch leicht zugleich mit
Mendelssohn komponieren können. Mich fasziniert die zunehmende
Vereinfachung, wie sein Werk immer auf den Punkt geht und nur durch
Textverteilung und wenige raffinierte harmonische Dinge ganz viel
aussagt.
Sie haben einmal gesagt, die «Zauberflöte» sei eine romantische Komposition zu nennen; warum?
Nikolaus Harnoncourt: Ich finde das im Ansatz schon bei «Idomeneo». Es
ist in erster Linie klanglich, der Einsatz der Klarinetten und die
Mischung von Klarinetten und Hörnern, das ist eine romantische
Mischung. Wie sehr das damals schon so empfunden worden ist, kann man
daran sehen, dass die früheren Mozart-Sinfonien in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts immer statt mit Oboen mit Klarinetten aufgeführt
worden sind.
Emanuel Schikaneder, der Schauspieler, Theaterdirektor und Autor war,
schrieb das Libretto zur «Zauberflöte» – und wurde dafür viel
gescholten; man hat ihm vorgeworfen, ein heilloses Konglomerat aus
Märchen, Vorstadtposse, Maschinentheater und Freimaurer-Ideologie
geschaffen zu haben. Wie beurteilen Sie das Libretto?
Nikolaus Harnoncourt: Ich finde das Libretto sehr interessant. Und ich
finde, wir machen es uns sehr leicht. Ich kenne das von ganz vielen
Opern, dass man sagt: wunderbare Musik, blöder Text. Das ist das erste,
was jemand sagt, der ein Stück nicht versteht. Ein Mozart komponiert
keinen blöden Text. Ich gehe dann davon aus, dass eher der, der das
sagt, blöd ist. Die grossen Komponisten haben alle mit Librettisten
zusammengearbeitet, Monteverdi war Tür an Tür mit seinen Librettisten,
bei Mozart ist es bekannt, bei Beethoven weiss man, wie der gesucht hat
nach Librettisten und wie er sogar den Grillparzer als Librettisten
abgelehnt hat. Für ihn war der «Fidelio», der ja auch dieses Urteil
ständig bekommt, ein ideales Libretto. Schumann war ein Komponist, der
eine Zeit lang nicht gewusst hat, ob er mehr Dichter oder mehr
Komponist ist, und hat diese «Genoveva» von Hebbel und von Tieck
gefunden; heute sagt man auch hier: blöder Text, gute Musik.
Martin Kusej, wie beurteilen Sie als Regisseur Schikaneders Libretto?
Martin Kusej: Wenn man sich mit einem Stück auseinandersetzt, dann
muss man den Text zunächst einmal ernst nehmen. So auch bei
Schikaneders «Zauberflöten»-Libretto. Sonst kann man sich die Arbeit ja
gleich sparen. Man muss genügend Stellen finden, die interessant und
noch nicht bis aufs letzte ausgeleuchtet sind und die einem auch helfen
oder erklären, wie man mit den Szenen umzugehen hat, was vielleicht im
Hintergrund gemeint war. Natürlich gibt es auch Passagen, die überhaupt
nicht logisch sind und an denen der Fortgang der Handlung nicht logisch
zu begründen ist. Gerade das muss man dann zu einer Qualität machen.
Und letztendlich muss man schauen, wie das auf der Bühne praktisch
funktioniert. Gewisse Dinge kann man heute so einfach nicht mehr sagen,
weil es völlig altmodisch und blöd und verstaubt klingt. Da greift man
dann ein.
Also muss man den Text von Schikaneder behutsam modernisieren?
Martin Kusej: Behutsam muss nicht sein, man muss einfach schauen – und
da fühle ich mich Schikaneder und Mozart verwandt –, was in der Praxis
funktioniert, was einen Effekt gibt. Ich mache es genauso wie sie – man
kann ja nicht so tun, als wäre Theater sakrosankt, es war immer
lebendig, jeder hat etwas verändert, geklaut, umgestellt.
Man könnte auch komplett neue Dialoge schreiben, wie es in der
Vergangenheit auch schon passiert ist. Aber Sie gehen zunächst einmal
mit dem Vorhandenen um.
Martin Kusej: Ja, das ist die Grundvoraussetzung.
Was interessiert Sie an dieser Oper?
Martin Kusej: Das kann ich besser über das beschreiben, was mich nicht
interessiert, und das ist die Freimaurer-Ideologie, alles, was mit
Ägypten zu tun hat und auch die Aufklärung. Einerseits gibt es
natürlich richtige und wichtige Erkenntnisse dieser Idee, aber erstens
bin ich der Meinung, dass schon Mozart die Bruchstellen und die
Verwerfungen der Aufklärung erkannt hat, oder eben genau das, wo es
einfach aus dem Ruder gelaufen ist. Zweitens können wir nicht so tun,
als wäre alles gut ausgegangen, und als würden wir viel besser dastehen
als 1791.
Einer
der Gründe, warum man Schikaneder vorwirft, das Libretto der
«Zauberflöte» sei ein «Machwerk», ist der so genannte Bruch am Ende des
Ersten Aktes. Tamino hat von der Königin der Nacht erfahren, dass ihre
Tochter, Pamina, von Sarastro, dem Bösewicht, geraubt wurde und zieht
nun aus, um sie zu retten. In Sarastros Reich angekommen, muss er aber
feststellen, dass dieser als weiser Herrscher gilt. Einige
Wissenschaftler glauben, dass Mozart und Schikaneder mitten in der
Entstehung des Stückes die Richtung gewechselt und ihren Plan geändert
hätten, weil zur gleichen Zeit ein ähnlicher Stoff vertont und mit
grossem Erfolg aufgeführt worden war. Empfinden Sie auch diesen
vieldiskutierten Bruch in der «Zauberflöte»?
Martin Kusej: Für mich geht es hier weniger um einen Bruch als um
einen Perspektivwechsel – ein und dieselbe Person wird aus
verschiedenen Perspektiven gezeigt. Aber wie wir zum Beispiel bei der
Hallenarie gesehen haben, ist es wahnsinnig interessant, dass Sarastro
selbst sich als gut oder edel oder humanistisch darstellt. Das ist ein
absolut schlüssiges Argument, er würde sich ja nicht als Schurke
darstellen wollen in dieser Situation. Das ist schon interessant, dass
man sich auf einer so grundsätzlichen narrativen Ebene schon mal mit
einer Irritation auseinandersetzen muss, die die damals eingebaut
haben. Was den Bruch betrifft: Wenn schon einer da ist, dann finde ich,
dass die Figur von Pamina ab diesem Moment, also Ende des ersten Aktes,
sehr massiv in die Handlung eingreift und eine Art von tatsächlicher
Utopie oder das Prinzip von Liebe vertritt und zeigt und lebt. Da fängt
für mich die Oper an, richtig interessant zu werden.
Nikolaus Harnoncourt: Ich habe diesen Bruch nie empfunden.
Wissenschaftler kennen ein Element, das die Wissenschaft sehr leicht
verfälscht, und das ist die Entdeckerfreude. Wenn man meint,
irgendetwas gefunden zu haben, dann versucht man, alles dem anzupassen,
und dann entstehen manchmal ganz tolle Missverständnisse. Dass die
Königin der Nacht einmal als liebende Mutter dargestellt wird und das
andere Mal als Bestie, das entspricht ganz genau der Psychologie: es
zeigt, wie ein Mensch aus seinem inneren Kreis beurteilt wird und wie
er von aussen beurteilt wird. Dass Mozart und Schikaneder die Königin
der Nacht eine Rachearie singen lassen, heisst ja nicht, dass sie so
ist, sondern dass sie so gesehen werden muss. Das gefällt mir sehr,
sehr gut. Ich finde es ganz toll, dass eine Person derart vielschichtig
gezeigt wird.
In unserer Aufführung gibt es ja auch nicht zwei Welten – also das
Reich Sarastros und das der Königin der Nacht –, die aufeinander
prallen.
Martin Kusej: Nein, für uns ist das eine Welt, in der es eben Tag und Nacht gibt...
Nikolaus Harnoncourt: ...und Licht und Dunkel!
Martin Kusej: Wenn Welten aufeinander prallen, dann ist das auf
gewisse Art und Weise der Ursprung von Theater überhaupt. Mir ist es
aber zu einfach, wenn man sagt, dass im Stück selber die Welten
aufeinander prallen. Es prallt vielmehr unsere heutige, jetzige Welt
auf die Welt des Stückes. Aber wenn wir darüber reden, dass die Königin
der Nacht im Dunkeln lebt und deshalb eine weisse Figur ist, dass Leute
in dem Stück nichts sehen, also schwarz sehen, obwohl sie in der
weissen Welt unterwegs sind, dass jemand sich sehr weiss darstellt,
obwohl er vielleicht etwas Dunkles zu verbergen hat, dass ein schwarzer
Mensch von der Liebe zu einer Weissen träumt, dann sind das sehr
interessante Aspekte von einem sehr einfachen Schema.
Zu den ganz grossen Qualitäten von Mozarts Opern gehört, dass er seine
Figuren nie denunziert und dass sie nie schwarz und weiss gezeichnet
sind; das gilt auch für die «Zauberflöte» – auch die Königin der Nacht
und Sarastro sind ja nicht eindeutig «gut» oder «böse».
Martin Kusej: Eindeutigkeit interessiert mich auch gar nicht, es
müssen immer Assoziationen in verschiedene Richtungen möglich bleiben.
Tamino sieht in der Königin der Nacht die Mutter seiner Braut, aber
vielleicht auch seine eigene Mutter, oder eine ältere Geliebte. Da
schwingt auf jeden Fall auch etwas Erotisches mit. Ähnlich ist es mit
Pamina und Sarastro. Und wenn die Königin der Nacht ihre Rache-Arie
singt, dann ist das für Pamina ein regelrechter Angsttraum.
Nikolaus Harnoncourt: Mozart scheint sogar das wirklich Böse überhaupt
nicht zu gelingen, oder er will es gar nicht ausdrücken, weil er sich
gänzlich identifiziert mit seinen Figuren. Eine Verbrecherfigur ersten
Ranges wie Don Giovanni wird von den Hörern geliebt. Die Seiten, die
Mozart bei seinen Figuren aufdeckt, sind eben menschlich. Bei der
«Zauberflöte» ist das so krass, dass man verschiedene Figuren erst mal
überhaupt nicht versteht. Bei Sarastro stolpert man auf Schritt und
Tritt darüber, dass er so grandiose, gute Sachen redet wie keine andere
Figur Mozarts. Das Charakterbild, das er von sich selbst entwirft, ist
makellos wunderbar. Aber kurz vorher hat er Monostatos, der zwar ein
Verbrecher ist, mit bitterster Ironie verurteilt. Das ist nicht der
weise Richter, der hier sein Urteil spricht, sondern Sarastro will
Monostatos ganz sadistisch blossstellen. Wenn man dann noch sieht, wie
sich die anderen Menschen in Sarastros Umkreis verhalten: der Sprecher
schreckt Tamino damit, dass Pamina möglicherweise schon tot ist, und es
wird dauernd damit gespielt, dass man irgendwelche Prüfungen gar nicht
bestehen kann…
Es wird in Kauf genommen, dass Tamino und Papageno dabei sterben könnten.
Nikolaus Harnoncourt: Dieses Stück hat irgendwas vom österreichischen
Kasperltheater an sich: das Krokodil frisst die Figuren. Die krasseste,
makaber-lustigste Kasperl-Szene ist die, wenn die beiden Priester von
den Weibertücken sprechen. Da weiss ich gar nicht, ob nicht der Sinn
dieser Szene vielleicht der ist, dass die Priester plötzlich Mitleid
kriegen mit Tamino und denken, den müssen wir jetzt ein bisschen
aufheitern und die Schrecken dieser ganzen Szenerie der «Eingeweihten»
so karikieren und übertreiben, dass er lachen muss.
Die «Eingeweihten» um Sarastro, die ja oft als Freimaurer interpretiert
worden sind, sind ein ziemlich frauenfeindlicher und kein besonders
sympathischer Kreis.
Nikolaus Harnoncourt: Ja, wie eben solche abgeschlossenen
Gesellschaften, die niemanden reinlassen wollen und die ihre eigenen
Schweinereien unter sich halten wollen. Solche reinen Männer- und
vielleicht auch reinen Frauengesellschaften gibt es ja schon ganz
lange. Vor vielen Jahren habe ich mal einen Vortrag gehalten bei einer
Freimaurer-Loge in Wien, da durfte gerade mal eine Sekretärin
mitschreiben, was gesprochen wurde. Nie im Leben hätten Frauen da
hinein gedurft. Vereine und Gruppierungen und Gesellschaften, da
entsteht eben Vereinsmeierei… Ich finde ja nicht nur, dass Schikaneder
das beschreibt, sondern ich finde auch, er beschreibt diese Aura, die
damals gross in Mode war mit den ägyptischen Riten und der
Freimaurerei. Für Mozart war das ein gefundenes Fressen, da ging es
nicht mehr um korrekte Details der Gruppierungen, sondern darum, dass
diese abgeschlossenen Gesellschaften richtig auf die Schaufel genommen
werden. Fast immer, wenn von den «Eingeweihten» die Rede ist, spürt man
ein hohles Pathos, wo die Hörer drüber lachen sollen und denken: das
möchte ich gar nicht wissen, was in diesen abgeschlossenen Kreisen so
geredet wird.
In unserer Aufführung wird das Rätselhafte, Unlogische, Märchenhafte
der Geschichte auch dadurch betont, dass das Ganze eine besondere
Situation als Rahmen bekommt.
Martin Kusej: Die Geschichte spielt sich in dem Moment ab, in dem
Tamino und Pamina sich den Hochzeitskuss geben – die beiden werden in
diesem besonderen Moment noch einmal durch die Welt ihrer Ängste,
Erwartungen und Zwänge geschickt.
In der «Zauberflöte» ist jede Figur auf ganz eigene Weise gezeichnet –
Papagenos Arien sind im volksliedhaften Ton gehalten, die Königin der
Nacht singt zwei äusserst virtuose Koloraturen-Arien, und Tamino und
Pamina stimmen einen ernsten und empfindsamen Ton an. Mit welchen
Mitteln schafft Mozart hier für jede Figur eine ganz eigene Klangsphäre?
Nikolaus Harnoncourt: Bei der Königin der Nacht zeigt er einem wieder
einmal, dass Koloraturen nicht einfach Virtuosität sind, an der man
sich freut, sondern dass die Koloratur wirklich einen ganz hohen
Ausdruck hat. Das ist sehr schwer zu realisieren, es gibt nicht viele
Sängerinnen, die das können – dass nämlich diese koloraturartigen
Tonwiederholungen sehr aggressiv sein müssen und dass jeder Ton wie ein
Pfeil sein muss in Paminas Herz. Es ist völlig klar, dass er diese
Klangsprache keiner anderen Figur geben konnte. Die anderen Sphären hat
er auch mit der Instrumentation sehr deutlich gemacht. Mit der
Erfindung der Bassetthörner – und das geht wieder ganz stark in die
Romantik – wird in Kombination mit Hörnern und Fagotten ein Klang
möglich, der völlig neu ist in der Musik. Mit dieser Klangwolke
charakterisiert Mozart die Welt der Eingeweihten. Das ist ein
piano-Klang, man konnte offenbar auf diesen Instrumenten, wie sie
damals waren, nicht wirklich laut spielen, da entsteht so ein
geheimnisvoller, magischer Klang. Im ersten Akt wird das noch
zurückgehalten, der Sprecher vertritt zwar die Eingeweihten, aber er
macht mir nicht den Eindruck, als würde er diese Sphäre wirklich
vertreten, er hat eher den Charakter eines Schweizer Polizisten, also
absolut unerbittlich. Der Sprecher ist ein bedingungsloser Parteigänger
von Sarastro, und an dem rennt sich ein Emotionsmensch wie Tamino
wirklich den Kopf ein. Bei Papageno gibt es, wie schon gesagt, viele
Elemente aus der Volksmusik, sogar das Stahlspiel findet man in
Salzburg heute noch im Wirtshaus an der Wand angenagelt. Auch die
Flöte, die Papageno spielt, ist in manchen Ländern noch bis heute in
Verwendung. Diese Instrumente verwendet Mozart sehr folkloristisch. Man
weiss nicht: ist Papageno Mensch oder Tier oder etwas dazwischen oder
eine volkstümliche Spiegelung von Tamino. Er kriegt jedenfalls einen
völlig eigenen Klang.
Martin Kusej: Ich sehe Papageno als traumhaften, unzivilisierten
Doppelgänger von Tamino. Er ist der eigentliche Sympathieträger in
diesem Stück. Aber nicht auf dieser banalen Ebene – ein Tölpel, der
nichts auf die Reihe kriegt –, sondern für mich ist es derjenige, der –
Gott sei Dank – diesen Domestizierungsversuchen der so genannten
Eingeweihten ganz naiv standhält und irgendwie auch seine Linie
beibehält und wohl den wichtigen emotionalen und ungerichteten Teil des
Mensch repräsentiert. Der ist tatsächlich immer der Sympathischere. Ich
will ja gar nicht sagen, dass alle Facetten dieser Pädagogik falsch
wären; sicher muss man auch mal geduldig sein und auch mal mutig an die
Wirrnisse des Lebens herangehen. Wenn es allerdings dogmatisch wird und
menschenverachtend, dann schlägt mein Herz eher für Papageno.
Nikolaus Harnoncourt: Tamino wird ja so überkultiviert dargestellt,
dass er nicht einmal Mut hat. Dort, wo sein Mut gefordert wäre, am
Anfang, bei der Schlange, fängt es ja schon an, da heisst sein erstes
Wort «zu Hilfe», und in den grossen Proben am Ende des Stückes führt
ihn Pamina. Er ist ein Antiheld. Die Figur, die er in der Bildnis-Arie
singt, das grosse Intervall mit der darauf folgenden Skala nach unten,
charakterisiert ihn wahrscheinlich am meisten. Diese Figur benutzt
Pamina bei dem Wiedersehen, wenn sie singt: «Tamino mein», und wandelt
sie um in eine Liebesfigur. Und bei Pamina selbst muss man einiges
wissen, dass man ihr musikalisch gerecht wird. Die Aufführungstradition
ist eine schwere Belastung bei diesem Stück. Schon 1815 gibt es
Berichte von Musikern und Komponisten, die sagen, das Stück ist ganz
anders geworden, vor allem, was Pamina betrifft. Denn Pamina – und das
hat sicher zu tun mit der Romantik – ist ganz bald zu einer grossen
Tragödin gemacht worden, das kann sie nicht gewesen sein bei Mozart.
Die Sängerin der Uraufführung war 17 oder 18 Jahre alt, die kann diese
Art von Tragödin nicht spielen. Wenn man sich die Arie genau anschaut,
dann stellt man fest, dass sie dasselbe Tempo hat wie die Rosenarie im
«Figaro». Dann ist sie plötzlich nicht mehr eine traurige Arie, sondern
eine zornige. Dieses junge Mädchen ist zornig und verzeifelt, weil ihr
Geliebter nicht mit ihr sprechen will. Die ganzen harten Dissonanzen
und die Tonartwechsel, die hier vorkommen, und dieses wilde synkopische
Nachspiel, das alles bekommt plötzlich einen ganz anderen Sinn. Ich
kenne diese Arie auch nur als traurige Arie. Aber wenn Mozart das
gewollt hätte, hätte er niemals Andante 6/8 geschrieben. Denn er hat
schon Andantino vorgeschrieben für das Duett Papageno-Pamina, das
heisst, dieses Duett ist ein bisschen langsamer, weil Andantino in
Mozarts Zeit langsamer war als Andante. Und Mozart irrt sich nicht, er
schreibt keine falschen Tempi. Wenn, dann ist unsere Auffassung falsch.
Schon 25 Jahre nach der Uraufführung gab es Leute, die sich aufregten
über die Entstellung der Pamina in die Richtung traurig und tragisch
und sagten, sie wäre zu einer langweiligen Figur geworden.
Mit den lange überlieferten Hörgewohnheiten zu brechen, ist sicher sehr
schwierig, und zwar sowohl in Bezug auf das Publikum, als auch in Bezug
auf die Ausführenden.
Nikolaus Harnoncourt: Wenn ich jetzt das Tempo nehme, von dem ich
überzeugt bin, dass es das Tempo von Mozart ist, dann weiss ich schon
heute, dass es Reaktionen geben wird, dass ich immer alles anders
mache. Aber wenn sich dann einmal eine solche Auffassung durchgesetzt
hat, dann kann man auch nicht mehr zu den falschen Hörgewohnheiten
zurück. In den letzten 50 Jahren habe ich sehr viele Sachen gefunden,
die immer zuerst bekämpft worden sind, und jetzt machen es alle, manche
sogar noch extremer als ich.
Wie arbeiten Sie denn mit Sängern und Orchester, um das Stück von der jahrhundertealten Rezeptionsgeschichte freizulegen?
Nikolaus Harnoncourt: Wenn der Sänger des Tamino gut ist, dann hat er
schon hundert- oder zweihundertmal den Tamino gesungen, und das sind in
jedem Fall grosse Erlebnisse. Und die Musiker, die das spielen, spielen
ja die «Zauberflöte» praktisch von dem Moment an, in dem sie ins
Orchester eingetreten sind. Das ist schon schwer. Ich kann nur sagen:
Wir denken das Stück jetzt neu.
Was machen Sie selbst heute anders als vor zwanzig Jahren?
Nikolaus Harnoncourt: Das kann ich nicht so genau festmachen, weil ich
das nicht überprüfe. Aber ich würde mich schämen, wenn ich in den
letzten zwanzig Jahren nicht gescheiter geworden wäre.
Glauben Sie an die Utopie der Liebe in diesem Stück?
Nikolaus Harnoncourt: Ja, an das muss man glauben. Das beginnt mit dem
Zeigen des Bildnis von Pamina, ja es fängt eigentlich schon damit an,
wie die drei Damen auf Tamino reagieren, es geht dann weiter damit, wie
die Königin der Nacht und Tamino aufeinander reagieren, und das zieht
sich durch das ganze Stück.
Aber Tamino und Pamina, das eigentliche Liebespaar der «Zauberflöte»,
sieht man fast nie zusammen, und das einzige Liebesduett singt Pamina
mit dem falschen Partner, nämlich mit Papageno.
Nikolaus Harnoncourt: Ja, und das hat in diesem Moment auch gar keinen
Bezug zur Handlung. Sie sagen auch nicht «ich» und «du», sondern «bei
Männern, welche», es ist fast wie ein Seminar über die Liebe in einer
Universität. Und gerade von diesen beiden, vom grossen Naivling
Papageno und vom seine erste Liebe möglicherweise bald verspürenden
Kind Pamina, denn so sehe ich die Pamina.
Martin Kusej: Die erste Begegnung von Pamina und Papageno ist eine
Stelle, an der das Libretto richtig gut wird. Papageno spricht hier
nicht in der Ich-, sondern in der Wir-Form: «Wir sind hier, um dir
tausend schöne und angenehme Sachen zu sagen, dich in unsere Arme zu
nehmen...»; vorher gerät er ins Stocken, verliebt sich auch ein
bisschen in Pamina und sagt dann: «Wo blieb ich denn? Richtig, bei der
Liebe». Auch Pamina empfindet Zuneigung zu dieser anderen Seite von
Tamino, vielleicht sogar mehr als zu Tamino selbst.
Herr Harnoncourt, Sie haben sich Martin Kusej als Regisseur für dieses Stück gewünscht. Warum?
Nikolaus Harnoncourt: Weil er unbefangen und neu an eine Sache
herangeht. Wenn er zu einem Stück keinen Zugang findet, dann macht er
es nicht. Wenn er ihn findet, dann ist er offen für jede Idee, und er
geht immer mit mir vorher die ganze Sache musikalisch durch und bekommt
dann Ideen. Es ist ja nicht damit getan, dass man ein Stück aus der
Mozart-Zeit genauso aufführt wie damals. Wir spielen für die heutigen
Menschen, und wenn die Botschaft eines Stückes zeitgebunden wäre, dann
sollte man es heute überhaupt nicht mehr aufführen. Aber ich finde
eben, dass bei allen Werken Mozarts die Botschaft völlig zeitlos ist,
und dass man nur den Schlüssel finden muss.
Was ist die Botschaft der «Zauberflöte»?
Nikolaus Harnoncourt: Liebe, Liebe, Liebe.
Das Gespräch führte Beate Breidenbach.